Dortmund muss gegen die Bayern eine komplett neue Abwehr bauen. Laut Klubchef Watzke muss vorerst niemand mehr vom Meistertitel reden. Trägt Löw mit seinen Aufstellungen eine Mitschuld? Die Fakten.
Bei Borussia Dortmund sind sie restlos bedient. Ausgerechnet vor dem Spiel gegen den FC Bayern am Samstag (18.30 Uhr, Sky und im Liveticker bei welt.de) fällt beim BVB quasi die komplette Abwehr aus. Klubboss Hans-Joachim Watzke zeigt sich konsterniert und sieht seine Mannschaft nun als klaren Außenseiter in dem großen Spiel.
"Wer jetzt noch sagt, die Chancen gegen Bayern stehen 50:50, der leidet wirklich an Realitätsverlust", sagte Watze der "Bild": "So eine Extremsituation wie jetzt habe ich beim BVB noch nie erlebt. Unsere komplette Abwehr vom Champions-League-Finale ist atomisiert worden. Die Viererkette, mit der wir das Double gewonnen haben – einfach weg."
Nach den Verletzungen von Mats Hummels und Marcel Schmelzer beim Länderspiel am Dienstag in London gegen England und dem Kreuzbandriss von Neven Subotic fällt beinahe die gesamte Stammabwehr des Tabellenzweiten aus. Daneben fehlen noch weitere Leistungsträger, u.a. Ilkay Gündogan.
Öffentlich vermeidet Watzke jede Kritik an Bundestrainer Joachim Löw, weil dieser fünf Dortmunder gegen die Engländer auflaufen ließ. "Wir machen den Verantwortlichen des DFB keine Vorwürfe. Und wir wollen jetzt auch sicher keine Alibidiskussion", sagte er. Was ihn ehrt.
Bayern spielten 732 Minuten, Dortmunder 471
Dennoch stellt sich die Frage: Hat Löw die Bayern in den Länderspielen gegen Italien (1:1) und England (1:0) gegenüber dem BVB bevorzugt? Nachteile hatten im Vorfeld durchaus beide Klubs befürchtet und darauf auch dezent hingewiesen.
Lassen wir Zahlen sprechen: Löw berief für die Testspiele sechs Spieler des FC Bayern, fünf aus Dortmund. Insgesamt haben die Münchner deutlich länger auf dem Platz gestanden. Sie kommen auf 732 Spielminuten, im Schnitt pro Spieler 61 Minuten. Die Dortmunder hingegen verbrachten 471 Minuten auf dem Feld, pro Spieler sind dies gut 47 Minuten.
Die ganze Wahrheit ist dies allerdings noch nicht. Ein zusätzlicher Blick lohnt auf die Gewichtung. Im Freitagsspiel setzte Löw vermehrt Bayern ein. Am Dienstag aber, vier Tage vor dem großen Bundesligaduell, waren es vor allem Dortmunder.
Zwei Bayern duften nach Hause, aus Dortmund niemand
Gegen Italien standen alle sechs Bayern auf dem Platz, sie kamen auf 507 Spielminuten. Drei Dortmunder spielten 144 Minuten. Gegen England dann war die Zeit des BVB gekommen. Alle fünf Berufenen wurden eingesetzt. Gesamtspielzeit: 327 Minuten, ohne die Verletzungen von Hummels und Schmelzer wären es wohl noch mehr gewesen. Hingegen verbrachten nur noch drei Bayern 225 Spielminuten auf dem Feld. In Manuel Neuer und Philipp Lahm standen zwei gar nicht mehr im Kader, Löw hatte sie zur Schonung nach Hause geschickt. Die Dortmunder blieben geschlossen bei der Nationalelf.
Fazit: Über die Gesamtbelastung könnten, wenn überhaupt, die Bayern klagen. Ihre Spieler haben deutlich mehr Minuten auf dem Buckel. Insofern war die Gefahr von Verletzungen bei ihnen mindestens eher noch größer als bei der Konkurrenz vom BVB. Auch in Anbetracht der harten Spielweise der Italiener. Richtig ist aber auch, dass Löw die Dortmunder im zweiten Spiel deutlich stärker belastet hat als die Männer des Rekordmeisters.
Hinzu kommt der Umstand, dass Hummels gegen Italien zur zweiten Hälfte für den Münchner Jerome Boateng eingewechselt wurde. Dieser hatte Probleme mit der Ferse, ist nun aber fit für das Spiel gegen den BVB. Allerdings gibt es Meldungen, wonach der Wechsel ohnehin geplant war.
Das Ergebnis der Debatte wird dann am Samstag zu sehen sein, auch wenn sich Watzke jetzt schon nicht mehr sonderlich viel im Titelkampf ausrechnet: "Über den Meistertitel sollten wir jetzt ganz sicher nicht reden. Wir müssen den Anschluss halten."

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