Freitag, 22. November 2013

Jürgen Klopp fahndet nach einer Abwehr

Ganz Deutschland freut sich auf den deutschen Clasico. Ganz Deutschland? Nein, der BVB hat keine Zeit für Vorfreude, die Abwehr ist "atomisiert". Welche Möglichkeiten hat Trainer Jürgen Klopp?



Riesige Vorfreude sieht anders aus. Aber wer könnte Michael Zorc seine Skepsis verdenken, angesichts des Sacks voller Sorgen, den der BVB vor dem Heimspiel gegen Bayern München mit sich herumschleppt. "Für uns haben sich die Rahmenbedingungen in relativ kurzer Zeit deutlich verschlechtert", stellte der Sportdirektor Michael Zorc im kicker fest.

"Unsere komplette Abwehr vom Champions-League-Finale ist atomisiert worden. Die Viererkette, mit der wir das Double gewonnen haben - einfach weg", klagte Hans Joachim Watzke in Bild, nachdem feststand, dass nach dem ohnehin schon seit geraumer Zeit verletzten Lukasz Piszczek und Neven Subotic (Kreuz- und Innenbandriss) auch Mats Hummels (Bandausriss am Fersenbein) und Marcel Schmelzer (Faserriss) länger ausfallen werden. Eine erhebliche Schwächung gegen den FC Bayern München im "Angriffsmodus" (O-Ton Matthias Sammer) - auch wenn bei den Gästen Franck Ribéry wegen eines Anbruchs der zehnten Rippe nur zuschauen kann.

BVB will keine weiße Flagge hissen
Philipp Lahm, Thomas Müller, Arjen Robben, Mario Mandzukic, Toni Kroos und auch Rückkehrer Mario Götze sind allesamt fit und einsatzbereit. Die Gefahr ist groß, dass der ohnehin bereits vier Punkte betragende Rückstand auf den Rekordmeister im Worst Case sogar auf sieben Zähler anwachsen könnte. Aber die Flinte schmeißt der BVB trotz alle negativen Vorzeichen nicht ins Korn."Wir hissen niemals und vor niemanden die weiße Flagge", verkündete Zorc. "Wir werden improvisieren müssen."

Damit kennt sich Trainer Jürgen Klopp bereit bestens aus. Den Ausfall von Piszczek kompensierte er gut, indem er kurzerhand Kevin Großkreutz erfolgreich zum Rechtsverteidiger umschulte. Da Piszczek zwar bereits im Testspiel gegen Paderborn dreißig Minuten absolvierte, für die große Bühne Bundesliga aber noch nicht fit genug ist, wird Großkreutz auch gegen die Bayern auflaufen. Aber wo genau in der Viererkette und wer komplettiert die Abwehrreihe des BVB? Als sicher gilt für Außenstehende eigentlich nur, dass Sokratis den Platz von Subotic einnehmen wird. Über die zwei weiteren freien Plätze darf daher eifrig spekuliert werden.

Diese Möglichkeiten gibt es
Dank der Verpflichtung des vereinslosen Manuel Friedrich verfügt Klopp immerhin über eine weitere personelle Alternative für die Innenverteidigung. Ein Einsatz des Ex-Leverkuseners als Backup für Mats Hummels und der von Erik Durm anstelle von Marcel Schmelzer hätte den Vorteil, dass Klopp auf größere Rochaden in seinem System verzichten könnte. Friedrichs Fitnesszustand wirft allerdings Fragen auf. Zum einen liegt sein letzter Einsatz über volle 90 Minuten mehr als ein halbes Jahr zurück, bei seinem BVB-Einstand im Test gegen Paderborn musste er zudem nach einer Stunde mit Knieproblemen ausgewechselt werden.

Trotzdem dürfte es wahrscheinlicher sein, dass Klopp auf den Routinier setzt, als dass er mit Koray Günter oder Marian Sarr zwei Youngster ohne nennenswerte Bundesligaerfahrung ins kalte Wasser wirft. "Wir haben die jungen Burschen zwar, aber Talententwicklung muss auch im richtigen Moment geschehen", erklärte Klopp laut bundesliga.de. Aber auch hinter der Personalie Durm gibt es noch Fragezeichen. Der U21-Nationalspieler musste letzte Woche wegen Kniebeschwerden vorzeitig von der DFB-Auswahl abreisen. Zudem wird im kicker spekuliert, dass Klopp dem Youngster bei allem Talent nicht zutraut, gegen Bayerns Arjen Robben zu bestehen.

Kuba auf links?
Als weitere mögliche Linksverteidiger-Alternativen stünden Oliver Kirch oder auch der erfahrene Jakub Blaszczykowski parat. Der Pole hat diese Position bereits häufiger als Notnagel bekleiden müssen, aber eigentlich selbstverständlich seine Vorteile in der Offensive. Er wäre auch eine Alternative für die rechte Seite, falls Klopp sich entschließen sollte, Großkreutz nach dem Ribéry-Ausfall lieber wieder auf links aufzustellen, wo er sich um Robben kümmern könnte. In der Vergangenheit hatte der Dortmunder in diesem Duell schließlich häufig gut ausgesehen.

Für die Innenverteidigung könnte Klopp allerdings auch noch einen seiner etatmäßigen defensiver Mittelfeldspieler zweckentfremden - zum Beispiel BVB-Allzweckwaffe Sven Bender. Der Nationalspieler musste bereits einige Male in der Abwehr aushelfen und konnte auf dieser für ihn ungewohnten Position meist überzeugen. Für Bender würde dann wohl Rückkehrer Sebastian Kehl nach überstandener Verletzung auf die Sechs rücken. Der Kapitän arbeitete in der Länderspielpause akribisch an seiner Fitness und Spritzigkeit. Falls Klopp ihn trotzdem noch nicht für bereit halten sollte, gegen Bayern zu bestehen, wäre Kirch wohl die naheliegende Alternative für die Doppelsechs neben Nuri Sahin.

Denkbarer Systemwechsel
Nicht auszuschließen wäre aber auch, dass Klopp wie in der Vorsaison häufiger gegen spielstarke Gegner eine Systemänderung zu Gunsten eines 4-3-3 vornimmt und Blaszczykowski neben Sahin, Kirch oder Kehl stellt. Möglichkeiten gibt es viele. Überraschend wäre natürlich auch, wenn Dortmund es angesichts der Verletztenliste noch einmal mit einer Dreierkette in der Abwehr versuchen sollte.
Überraschend sicher, aber auch ziemlich unwahrscheinlich, wenn man sich den Ausgang des Experiments von vor einem Jahr gegen Schalke in Erinnerung ruft. Damals ging der Versuch, im 3-5-2 zu bestehen, gnadenlos in die Hose. Für die meisten der aktuell verfügbaren Spieler wäre das Spiel mit einer Dreierkette zudem völliges Neuland und gegen Bayern München damit wohl ein viel zu großes Risko, auch wenn der Ausgang des Spiels nach Meinung des BVB-Sportdirekors den weiteren Saisonverlauf wohl nicht beeinflussen dürfte.

"Die Saison ist noch sehr lang, es werden danach erst 13 von 34 Spieltagen absolviert sein. Natürlich ist es weiterhin unser Ziel, den Abstand zu verringern", erklärte Zorc im kicker und versprühte trotz der verschlechterten Rahmenbedingungen Optimismus. Die Mannschaft sei ?in körperlich guter Verfassung" - jedenfalls die, die fit sind.

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